„Inklusion kennt keine Grenzen, die Grenzen gibt es nur in unseren Köpfen!“

570 Schüler_innen, fast die Hälfte von ihnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, lernen am Evangelischen Schulzentrum Martinschule in Greifswald gemeinsam. Haben wir mit Benjamin Skladny gesprochen. Er ist seit Anbeginn Schulleiter der Martinschule.

„Inklusion hat keine Grenzen, die Grenzen gibt es nur in unseren Köpfen!“

570 Schüler_innen, fast die Hälfte von ihnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, lernen am Evangelischen Schulzentrum Martinschule in Greifswald gemeinsam, von der Grundschule bis in Jahrgangsstufen 10 bzw. 12. Ob schulinternes Abschlusszeugnis, Mittlere Reife oder Abitur: Jede/r Schüler*in kann an der Martinschule einen Abschluss machen. Die Martinschule, deren Trägerin die Johanna-Odebrecht-Stiftung ist, will eine Schule für alle sein – und der Erfolg gibt dem Konzept recht: 2018 erhielt sie den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises.

Wie kann inklusive Bildung funktionieren? Das ist das Thema von Inklusion Europes Kampagne „That’s what I learned“ („Das habe ich gelernt“). Für die Kampagne haben wir mit Benjamin Skladny gesprochen. Er ist seit Anbeginn Schulleiter der Martinschule.

Was waren die Anfänge der Martinschule?

In der DDR hatten Menschen mit einer geistigen Behinderung keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen – sie galten als „schulbildungsunfähig“. Darüber hinaus wurden sie in zwei Kategorien eingeteilt: sie waren entweder „förderunfähig“, dann waren sie in Schwerstbehinderteneinrichtungen, Psychiatrien, manchmal sogar in Altenheimen untergebracht bzw. die Eltern mussten sie zu Hause versorgen und konnten dann keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen. Oder sie galten als „förderfähig“, dann konnten sie eine Fördertagesstätte besuchen, wenn es denn eine in der Umgebung gab.

Nach der Wende gab es nun auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR die Möglichkeit, Schulen für Schüler*innen mit einer geistigen Behinderung (später: Schulen zur individuellen Lebensbewältigung) zu errichten. So wurde aus der Fördertagesstätte in Greifswald die Martinschule.

Als ausgebildeter Sonderpädagoge bin ich seitdem Schulleiter der Martinschule.

 

Woher kamen anfangs die Schüler und Schülerinnen, sowie das Lehrpersonal?

Zunächst wurden die 24 Kinder und Jugendlichen der Fördertagesstätte nun Schüler*innen, zu den sie bisher betreuenden Mitarbeiterinnen kamen ausgebildete Lehrer*innen dazu. Später kamen aus Greifswald und Umgebung weitere 60 Schüler*innen dazu, so dass es im Schuljahr 1992/93 dann mehr als 80 Schüler_innen waren. An Ostern 1993 zogen wir in das Gebäude einer inzwischen leerstehenden ehemaligen Kindertagesstätte inmitten eines Plattenbaugebietes. Dieser Standort wurde bewusst so ausgewählt, da wir nicht ausgegrenzt am Stadtrand, sondern inmitten des gesellschaftlichen Lebens sein wollten – anderen Menschen begegnen, Einkaufseinrichtungen nutzen, Verkehrserziehung im realen Umfeld üben können…

Die Anfänge der Inklusion an der Martinschule lagen dann in Kooperationen zwischen einer reguläre Klasse einer staatlichen Grundschule und einer Klasse der Martinschule …

Genau. Die von mir von Anfang an angestrebte Öffnung der Martinschule wurde zunächst von den Eltern abgelehnt, die froh waren, ihre Kinder endlich in eine „eigene“ Schule bringen zu können. Kontakte zu anderen Schulen und Lehrer*innen wurden besonders durch die vielen negativen Erfahrungen der meisten Eltern in den Jahren zuvor, wo sie aufgrund ihrer behinderten Kinder abgelehnt, ausgelacht und ausgegrenzt wurden, nicht gewünscht. Somit ließen wir uns hier etwas mehr Zeit …

Nach langer gemeinsamer Vorbereitungszeit war es im Schuljahr 2000/01 aber dann so weit: eine Mittelstufenklasse mit 8 Schüler*innen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung lernte nun nicht mehr in der Martinschule, sondern in Kooperation mit einer Grundschulklasse in deren 3./4. Schuljahr an der Grundschule. Das Projekt konnte über die Grundschulzeit hinaus leider nicht fortgeführt werden, da es in Greifswald keine weiterführende Schule gab, die unsere Martinschulklasse aufnehmen wollte.

Deswegen gründeten wir 2002/03 eine eigene Grundschule: es entstand das Evangelische Schulzentrum Martinschule. Kooperativ lernen hier seitdem je eine Klasse mit Kindern mit geistiger Behinderung und eine Grundschulklasse als Patenklassen zusammen. Seit dem Schuljahr 2006/07 gibt es bei uns eine Integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Gleichzeitig wurde die Martinschule durch die vielen Schulanmeldungen im Grundschulbereich zweizügig. Dieses Patenklassensystem ging in den Folgejahren dann bis zum 12. Schuljahr – 2014 verließen die ersten Abiturient*innen die Martinschule…

Ab dem Schuljahr 2011 schließlich – beginnend mit den ersten Klassen – wurden bei uns alle Klassen „voll inklusiv“ – es gab keine extra Klassen mit Kindern mit geistiger Behinderung mehr. In jeder Grundschulklasse gibt es seitdem mindestens drei und maximal vier Schüler*innen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Dese kleine peergroup zu schaffen, ist wichtig für das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl der Schüler*innen mit Behinderung.

Was ist das Besondere am Unterricht in der Martinsschule?

Wir haben keinen Unterricht im 45min-Takt, sehr viel fächerübergreifende Projekte und Werkstätten, viel Freiarbeit, so dass es den Schüler*innen möglich ist, im eigenen Takt nach ihren eigenen Bedürfnissen zu lernen. Es gibt für alle Schüler*innen individuelle Lernziele, die in regelmäßigen Zielvereinbarungsgesprächen (gemeinsam mit den Eltern und den Lehrkräften) besprochen und festgelegt werden. Da die Martinschule von Beginn an eine fest gebundene Ganztagsschule ist, gibt es grundsätzlich auch keine Hausaufgaben. Ziffernnoten gibt es erst ab dem 9. Jahrgang.

Jede unserer insgesamt 12 Grundschulklassen wird von einem/r Grundschul- oder Sonderschullehrer*in geleitet, hat eine Pädagogische Unterrichtshilfe und ggf. auch Integrationshelfer*innen. Zusätzlich gibt es sonderpädagogische Beratung durch Sonderpädagog*innen, eine enge Zusammenarbeit mit den in der Schule tätigen Ergo-, Physio- und Sprachtherapeut*innen und mit Vertreter*innen des Jugend-, Sozial- und Gesundheitsamtes.

Ab dem 5. Jahrgang bilden die Schüler*innen insgesamt fünf Stammgruppen (mit maximal je 11 Schüler_innen), in denen sie ihre eigenen individuellen Ziele und Aufgaben für den Tag festlegen und in denen sie zum Unterrichtsende darüber berichten, wie sie ihre Vorhaben des Tages erfüllt haben. Die Schüler*innen können somit so selbständig wie möglich im eigenen Takt lernen – dies ermöglicht ein gemeinsames Miteinander trotz ganz unterschiedlicher Begabungen und Fähigkeiten.

Nach dem Abschluss des 8. Schuljahres wird für die Schüler*innen in das individualisierte Lernen im „Block-Unterrichtssystem“ fortgeführt, in den Jahrgängen 10 bis 12 trennen sich dann zum größten Teil die Wege: einige bereiten sich intensiv auf den Abschluss der Mittleren Reife vor, andere auf das Abitur, Schüler*innen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung durchlaufen in der Abschlussstufe drei verschiedene Bereiche:

  • eine selbst gegründete Schülerfirma „Häppchen & Co“, die u.a. Frühstück für die Grundschüler*innen zubereitet und verkauft
  • eine Vier-Raum-Wohnung, in der u.a. das spätere selbständige Wohnen und das selbständige Erkunden von Greifswald und Umgebung vorbereitet wird
  • ein Abschlussstufenzentrum, in dem Schüler*innnen auf sie zugeschnittene Praktika absolvieren können.

Zu schulischen Anlässen und, z.T. auch im Wahlpflichtunterricht begegnen sich die Schüler*innen aber immer wieder.

Warum sind Sie von Ihrem Konzept überzeugt?

Weil es funktioniert, wir jedes Schuljahr besser werden!

Bei uns müssen sich die Schüler*innen nicht in starre Muster zwängen, mit der Schulglocke oder dem Rahmenplan als Taktgeber. Sie können individuell und so viel intensiver lernen. Das kommt jedem einzelnen und der (Schul-)Gemeinschaft zugute, nicht nur den Kindern mit einer geistigen Behinderung. Bei Vergleichstests und den Prüfungen zur Mittleren Reife und dem Abitur schneiden unsere Schüler*innen seit Jahren überdurchschnittlich ab.

Die Schüler*innen kommen auch in den oberen Jahrgängen sehr gern zur Schule, und unsere Lehrkräfte als auch die Eltern sind sehr engagiert.

Wir wir erhalten viele positive Rückmeldungen von Schulbesucher_innen, Studierenden und oder Dozent_innen, die innerhalb ihrer Lehramtsstudien mit uns zusammenarbeiten, als auch unseren Praktikant_innen.

 

Was hat sich für Sie verändert, seitdem die Martinschule 2018 den Deutschen Schulpreis erhalten hat?

Der Schulpreis ist natürlich eine tolle Anerkennung. Darüber hinaus ist er uns Ansporn, nicht nachzulassen, weiterzumachen und das individualisierte Lernen auch in der Oberstufe weiterzuentwickeln. Das stieß nicht nur auf Gegenliebe – viele Lehrkräfte haben im vergangenen Schuljahr die Oberstufe verlassen, Eltern und Schüler*innen waren (und sind es zum Teil immer noch) skeptisch, es gab und gibt heiße Diskussionen. Somit war der Gewinn des Deutschen Schulpreises auch ein Startschuss für eine inzwischen richtig gut angelaufene Weiterentwicklung unserer Oberstufe.

Wir sehen die Inklusion an unserer Schule als etwas, das im Fluss ist und sich stetig weiterentwickelt. Soviel ist sicher: Inklusion kennt keine Grenzen, die Grenzen gibt es nur in unseren Köpfen!

Machen Sie mit bei unserer Kampagne „ThatsWhatILearned“ („Das habe ich gelernt“) zum Thema inklusive Bildung! Was haben Sie in der Schule, Ihrer Familie, im Leben gelernt? Lassen Sie es uns wissen! Alle Materialien gibt es auch auf Deutsch, einschließlich einer Version in Leichter Sprache.

Melden Sie sich jetzt an für unsere Konferenz „Europe in Action“ in Wien (27.-29. Mai)! Wir werden über „Qualitätsvolle Bildung für alle“ sprechen.

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