Kinder mit Behinderungen haben es verdient, ein Leben außerhalb von Institutionen zu führen

Inclusion Europes Direktor Milan Šveřepa hat einen Artikel für Apolitical geschrieben, eine internationale Informationsplattform für Regierungen. Dieser Artikel, der sich mit der Deinstitutionalisierung von Unterstützungsleistungen für Kinder mit Behinderung beschäftigt, ist in der Kategorie "frühe Kindheit" erschienen.

Kinder mit Behinderungen haben es verdient, ein Leben außerhalb von Institutionen zu führen
Inclusion Europes Direktor Milan Šveřepa hat einen Artikel für Apolitical geschrieben, eine internationale Informationsplattform für Regierungen. Dieser Artikel, der sich mit der Deinstitutionalisierung von Unterstützungsleistungen für Kinder mit Behinderung beschäftigt, ist in der Kategorie „frühe Kindheit“ erschienen.

Es steht außerfrage, dass es der Gesundheit und Entwicklung von Kindern enormen Schaden zufügt, wenn sie in Institutionen aufwachsen. 

Zum Glück gibt es bei der Deinstitutionalisierung erhebliche Fortschritte zu verzeichnen: Mehr und mehr wird darauf gesetzt, Familien zu entlasten und Trennungen zu vermeiden, indem Pflegefamilien und andere Alternativen Unterstützung erhalten. 

Leider scheint all dies nicht auf Kinder mit Behinderungen zuzutreffen. 

In vielen Ländern sind Kinder mit Behinderungen weiterhin institutionalisiert und stellen heute die Mehrheit der Kinder, die in solchen Einrichtungen verbleiben. 

„In einer Reihe von europäischen Staaten werden Kinder mit Behinderungen mit ungleich höherer Wahrscheinlichkeit in Heimen untergebracht als ihre nichtbehinderten Altersgenossen, und profitieren anscheinend weitaus weniger von Bemühungen, einen Übergang von der Heimbetreuung zur familienbezogenen Betreuung zu schaffen„, schreibt das „Akademische Netzwerk europäischer Experten für Behinderung“ in seinem neuesten Bericht. 

 

Der Kern des Problems

Es gibt zweifellos systembedingte Probleme und Stereotype, die zur fortlaufenden Segregation von Kindern mit Behinderungen beitragen. Die Tatsache, dass Kinder mit Behinderungen außen vor gelassen werden, wird durch systemische Herausforderungen verschärft. 

Die derzeitigen Finanzierungsmechanismen und Herangehensweisen sind sehr gut geeignet, um Erfolgsmethoden („good practices“) hervorzubringen – und sie zu einem gewissen Grad zu replizieren. 

Das sind zwar begrüßenswerte Verbesserungen – ihre Auswirkungen sind jedoch begrenzt, solange die Grundlagen des althergebrachten Kinderschutzsystems unberührt bleiben. In vielen Ländern ist der rechtliche Rahmen auf institutionalisierte Lösungen ausgerichtet, und die Finanzierung auf nationaler Ebene bevorzugt weiterhin Institutionen anstelle von Alternativen. In Tschechien zum Beispiel machen die öffentlichen Ausgaben für die Familienunterstützung nur 10% der Gelder aus, die für den „allgemeinen Kinderschutz“ verwendet werden. 

Alle Erfolgsmethoden und innovativen Dienstleistungen sind im Wesentlichen Ausnahmen, außergewöhnliche Situationen, die trotz des vorherrschenden rechtlichen und finanziellen Umfelds entstanden sind. 

Darin liegt die größte Herausforderung für den nächsten Schritt: die Fälle, die derzeit die Ausnahmen sind, zur Regel zu machen. Für Kinder mit Behinderungen bedeutet dies, strukturelle Veränderungen in jeder wichtigen Phase ihres Lebens umzusetzen. 

 

Frühe Unterstützung

In diesem Fall ist es die einzig gangbare Option, die Bedürfnisse von Familien und Kindern frühzeitig zu erkennen und sie zu unterstützen, bevor die Kinder in Einrichtungen untergebracht werden. 

Die Unterstützungssysteme richten sich derzeit an eine Art Durchschnittskind: Eltern von Kindern mit Behinderungen stellen häufig fest, dass das Wissen der Beschäftigten in den zuständigen Stellen nicht ausreicht, um sie bei den sehr spezifischen Fragen zu unterstützen, die sich aus ihrer Situation ergeben. Und selbst wenn diese Unterstützung verfügbar ist, wird sie häufig nicht zu Hause bei den Eltern angeboten, sondern nur in speziellen Einrichtungen. 

Die Politik muss auch berücksichtigen, dass Kinder nicht für immer Kinder bleiben 

Eine frühzeitige Intervention sollte möglichst unmittelbar nach der Geburt des Kindes beginnen. Die Betreuung sollte individuell, strukturiert, langfristig – nicht nur für einige Monate, sondern bis zum Schulbesuch des Kindes – und zu Hause erfolgen. 

Die Auswirkungen einer frühzeitigen Intervention sind erwiesen: So kann beispielsweise die „Verzögerung der geistigen Entwicklung, die nach den ersten 12 bis 18 Monaten bei Kindern mit Down-Syndrom eintritt, nahezu vollständig verhindert werden“. Ein frühes Eingreifen führauch zu einem besseren Zugang zu Regelschulen, einer höheren Beschäftigungsquote im Erwachsenenalter, einer besseren Gesundheit und besseren sozialen Beziehungen sowie zu einem gesteigerten Wohlbefinden der Eltern und einer geringeren Institutionalisierung. 

 

Bildung

Die Herangehensweise, Kinder nicht in Heimen unterzubringen und sie stattdessen zu unterstützen, muss ergänzt werden durch eine qualitativ hochwertige Ausbildung. Demgegenüber behindert die derzeitige Politik der Segregation, bei der behinderte Kinder in Sonderschulen untergebracht werden oder gar keine Ausbildung erhalten, sowohl den weiteren Fortschritt der einzelnen Kinder als auch den Systemwechsel. 

Für Kinder ist es entscheidend, mit anderen Kindern aus ihrer Nachbarschaft zur Schule zu gehen, da sie so wichtige und dauerhafte Beziehungen aufbauen können. 

Für Kinder und Erwachsene mit oder ohne Behinderung ist es von Vorteil, „Soft skills“ wie Empathie und Kommunikation zu entwickeln. Inklusion gibt Kindern mit Behinderungen das nötige Rüstzeug, um später im Leben erfolgreich zu sein. Darüber hinaus wird das Risiko einer Segregation im späteren Leben verringert. 

 

Beschäftigung

 Die Politik muss dem Umstand Rechnung tragen, dass Kinder nicht für immer Kinder bleiben. Früher oder später werden sie erwachsen und treten in den Arbeitsmarkt ein. 

In vielen Ländern ist der Rückgang der Zahl der institutionalisierten Kinder einfach darauf zurückzuführen, dass diese Kinder älter werden und in Einrichtungen für Erwachsene transferiert werden. 

Wenn wir ihre Erfolgsaussichten einschränken, indem wir ihnen nicht helfen, sich richtig zu entwickeln, sie von der Gesellschaft absondern und ihnen keine angemessene Ausbildung anbieten, stellen wir die Weichen Richtung Arbeitslosigkeit beziehungsweise Richtung stereotyper, unbezahlter Aktivitäten, mit lebenslanger Abhängigkeit von „Betreuung“. 

Eine Arbeit zu haben, ist immens wichtig für die Entwicklung neuer sozialer Rollen im Leben und für die Integration. Sie ist auch unentbehrlich als Beweis dafür, dass Menschen mit Behinderungen wie alle anderen auch einen Beitrag leisten können. Eine angemessene Ausbildung, um auf dem ersten Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein, ist ebenso von Bedeutung wie die Art und Weise, wie Unterstützung innerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses gewährt wird. 

 

Institutionalisierung später im Leben

Wenn nicht das gesamte System geändert wird, stehen wir vor einer Situation, in der alle Anstrengungen und die Unterstützung, die in die Entwicklung von Kindern investiert werden, letztendlich zu nichts führen, da sie im Erwachsenenleben doch wieder in Einrichtungen untergebracht werden. 

Diese Institutionalisierung kann eintreten, wenn eine Person das frühe Erwachsenenalter erreicht. In vielen Ländern ist der Rückgang der Zahl der institutionalisierten Kinder einfach darauf zurückzuführen, dass diese Kinder älter werden und in Einrichtungen für Erwachsene transferiert werden. 

Institutionalisierung kann auch später im Erwachsenenalter vorkommen, wenn die Eltern oder Geschwister, die Unterstützung geleistet haben, nicht mehr in der Lage sind, dies fortzusetzen. Aufgrund mangelnder Unterstützung vor Ort werden Erwachsene mit Behinderungen dann in eine Einrichtung eingewiesen. Sowohl die Unterbringung in einer Institution als auch die Angst davor, die immer über den Köpfen der Familien hängt, haben verheerende Auswirkungen für alle Beteiligten. 

Die Deinstitutionalisierung der Kinderbetreuung ist daher der richtige und einzige Weg in die Zukunft. 

Es ist wichtig, dass diese Bemühungen auch Kinder mit Behinderungen einbeziehen. Die Art und Weise, wie wir darüber nachdenken, muss sich ändern: von der Entwicklung einzelner Erfolgsmethoden hin zu einer Änderung des gesamten Systems, in dem diese Erfolgsmethoden nicht die Ausnahmen, sondern die Regel sind. 

Ein solches System würde auf frühzeitigem Eingreifen beruhen, um Kindern mit Behinderungen zu helfen, sich voll zu entfalten. Es würde auch eine angemessene Ausbildung einschließen, um ihnen zu helfen, wertvolle Fähigkeiten zu erlernen und sich in die Gesellschaft zu integrieren. Und es würde den Zugang zu hochwertiger Beschäftigung und Erwachsenenbetreuung vor Ort ermöglichen. Weil Kinder nicht für immer Kinder bleiben.  

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich veröffentlicht von apolitical (auf Englisch). 

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